santiago
In dem vorangegangenen Beitrag über die Links- und Rechtshänder fragte Helen zum Schluss nach der Zeit, in der das Mit-Links-Schreiben verboten war. Ich glaube, ich gehöre zu der letzten Generation von Schülern, in der das so war.
Aber die Frage nach dem, was Schule den Kindern – und damit den späteren Erwachsenen – so ‚antun’ kann, brachte mich auf die Idee, diese kleine Geschichte Euch nahe zu bringen. Viele von uns können sich in der Rolle der kleinen Entchen oder der Adlerjungen wieder finden; ich mich auch.
Auch wenn die meisten hier im Forum keine schulpflichtigen Kinder mehr haben und vielleicht – genau wie ich – froh sind, dass die Schulzeit endlich vorbei ist: Wenn wir nichts ändern, wer soll es dann tun? Aber genug der Predigten, hier ist die Geschichte – nachzulesen auf…
www.hamsterkiste.de
Es begab sich, dass der König der Tiere unzufrieden war mit den Schulen des Landes. Er hatte gehört, in anderen Ländern sei's besser. Er befahl seinen hohen Beamten, dies schleunigst und gründlich zu ändern. Bald gab es "Bildungsstandards" und Pläne, den man Kerncurricula nannte. Die Schulen waren gehalten, alle Kinder im Lande zu lehren, was gemeinhin als wichtigstes galt: Wettrennen, Klettern, Schwimmen und Fliegen. Ob und wie sie dies lernten, sei Sache der Schulen, nur über die "Kompetenzen" müssten am Ende alle verfügen. Dies ließ man als "eigenverantwortliche Schule" verkünden und Inspektoren sollten Qualität überprüfen.
Doch dann zeigte sich dies:
Die Enten konnten hervorragend schwimmen. Im Fliegen allerdings brachten sie es nur auf ausreichende Leistungen. Im Wettrennen waren sie hoffnungslos überfordert. Die meisten von ihnen mussten daher mit dem Schwimmen aufhören und in teuren Nachhilfestunden Wettrennen trainieren. Das führte dazu, dass ihre Schwimmfüße schon nach kurzer Zeit vor Anstrengung schmerzten und sie nur noch mäßig schwammen. Mit diesem mäßigen Können waren die Inspektoren durchaus zufrieden - die Enten jedoch hätten es gern anders gehabt.
Die Kaninchen konnten gut rennen und sich in Höhlen verstecken. Doch führte man sie ins Schwimmbad, wurde ihr Fell noch grauer als grau. Lange verweilten sie in den Umkleidekabinen, paddelten hilflose Runden mit triefnassen Fellen und vermieden das Tauchen. Auch Ergotherapie half ihnen wenig. Bei einem Vergleich aller Schulen versagten sie kläglich. Da beschlossen die Beamten, ihre Leistungen nicht gar so streng zu bewerten. Und als dies nicht reichte, wurde ihre Note noch einmal verbessert. So wurde aus mancher "5" eine "3", alle waren zufrieden und fühlten sich als gute Schwimmer.* Die Inspektoren lobten die Schulen ob ihrer Erfolge.
Die Eichhörnchen waren hervorragend im Klettern. Sogar beim Fliegen von Ast zu Ast leisteten sie Beachtliches. Als sie sich jedoch in der Kompetenz "Abheben vom Boden" üben sollten, reagierten sie völlig frustriert. Die Mädchen, die sich mehr Mühe gaben als die zappeligen Jungen, klagten bald über heftigen Muskelkater. Darunter litten auch ihre Noten im Klettern und Laufen. Als Ausgleich wurde für sie ein "Girls Day" erfunden, damit sie im späteren Leben nicht benachteiligt seien. Dies fanden die Inspektoren beispielhaft.
Es gab nur wenige Adler, aber sie machten Sorgen. Die Eltern des einen lebten getrennt und die allein erziehende Mutter des anderen verdiente den Unterhalt mühsam mit Flügen zum Harz. Viele waren so dick, dass sie kaum noch die Flügel erhoben. Sie wurden süchtig nach billigen Filmen und grausigen Spielen. Ihre Noten waren stets miserabel, ihr Verhalten entsprach den Erwartungen nicht. Immerzu versuchten sie, sich in die Luft zu erheben und wurden nur mit Mühen und Strafen daran gehindert. Als sie schließlich einen Baumstamm hinaufklettern sollten statt auf die Spitze des Baumes zu fliegen, machten einige allerlei Blödsinn. Einer weigerte sich und wurde zum Psychologen geschickt. Als dieser keinen rechten Rat wusste, fand sich ein Arzt, der Pillen gegen das grassierende "ADHS" verschrieb.
Die besten Schüler waren die Aale. Sie konnten sehr gut schwimmen, sich über feuchte Wiesen schlängeln, sie kletterten flugs die Fischtreppen hoch und schnellten dabei sogar durch die Luft. Vor allem: Sie verhielten sich still in der Schule, träumten von früher Kindheit im Meer, taten dabei interessiert und im Mündlichen und in der Sauberkeit ihrer Hefte übertrafen sie alle. Sie wechselten bald zu den am meisten geschätzten Schulen des Landes, die man Gymnasien nannte.
Denn alle Kinder wurden, kaum hatten sie sich an Schule gewöhnt, in verschiedene Gruppen sortiert. Das gab es in keinem anderen Land, doch man sagte, dies werde Begabungen besser gerecht. Und so landeten Enten, Eichhörnchen und auch die Kaninchen in Schulen, die man Real-, die Adler hingegen in solchen, die man Hauptschulen nannte. Dort trafen sie Kraniche und Störche, die aus anderen Ländern stammten und Sprache und Gebräuche im Lande nicht zureichend kannten. Einige landeten gar in besonderen Schulen, denn dass Adler nicht klettern, war als Problem des Förderns und Forderns sicher erkannt.
Nicht alle Eltern akzeptierten das Votum der Schulen. Wohl wissend, dass der König und seine Minister nichts mehr respektierten als den Willen von Wählern, gaben sie ihre Kinder einfach in Schulen, die sie glaubten, sich schuldig zu sein. Mit Begabung hatte dies oft wenig zu tun, wurde jedoch toleriert und immer mehr üblich.
Manchmal wurden Ranglisten erstellt, so wichtig wie die Zahl der Medaillen bei olympischen Spielen. Wenn die Kinder des Landes dabei versagten, dann gab man vielfach den "faulen Säcken" die Schuld. So wurden die Lehrer bisweilen genannt, die man gern auch in Internetforen verhöhnte.
Der Kaiser im fernen Berlin gab Geld für ganztägige Schulen. Er erklärte die Bildung wie die Betreuung zu wichtigen Zielen des Staates. Man baute dringend benötigte Cafeterias, über Plätze in Krippen wurde heiß diskutiert, denn die Mütter gebaren nur wenige Kinder.
Doch nicht alle fanden ersprießlich, was Kaiser und König und ihre Beamten ersannen. Den Kindern der Füchse und Schlangen blieben Schulen wie diese erspart. Ihre Eltern gaben sie einem Dachs in die Lehre. Der hielt wenig von Standards, ließ die Kinder gewähren, ermutigte und regte sie an, forderte viel und mochte doch keinen sortieren. Man sagte, er liebe die Kinder.
lg
santiago
Aber die Frage nach dem, was Schule den Kindern – und damit den späteren Erwachsenen – so ‚antun’ kann, brachte mich auf die Idee, diese kleine Geschichte Euch nahe zu bringen. Viele von uns können sich in der Rolle der kleinen Entchen oder der Adlerjungen wieder finden; ich mich auch.
Auch wenn die meisten hier im Forum keine schulpflichtigen Kinder mehr haben und vielleicht – genau wie ich – froh sind, dass die Schulzeit endlich vorbei ist: Wenn wir nichts ändern, wer soll es dann tun? Aber genug der Predigten, hier ist die Geschichte – nachzulesen auf…
www.hamsterkiste.de
Es begab sich, dass der König der Tiere unzufrieden war mit den Schulen des Landes. Er hatte gehört, in anderen Ländern sei's besser. Er befahl seinen hohen Beamten, dies schleunigst und gründlich zu ändern. Bald gab es "Bildungsstandards" und Pläne, den man Kerncurricula nannte. Die Schulen waren gehalten, alle Kinder im Lande zu lehren, was gemeinhin als wichtigstes galt: Wettrennen, Klettern, Schwimmen und Fliegen. Ob und wie sie dies lernten, sei Sache der Schulen, nur über die "Kompetenzen" müssten am Ende alle verfügen. Dies ließ man als "eigenverantwortliche Schule" verkünden und Inspektoren sollten Qualität überprüfen.
Doch dann zeigte sich dies:
Die Enten konnten hervorragend schwimmen. Im Fliegen allerdings brachten sie es nur auf ausreichende Leistungen. Im Wettrennen waren sie hoffnungslos überfordert. Die meisten von ihnen mussten daher mit dem Schwimmen aufhören und in teuren Nachhilfestunden Wettrennen trainieren. Das führte dazu, dass ihre Schwimmfüße schon nach kurzer Zeit vor Anstrengung schmerzten und sie nur noch mäßig schwammen. Mit diesem mäßigen Können waren die Inspektoren durchaus zufrieden - die Enten jedoch hätten es gern anders gehabt.
Die Kaninchen konnten gut rennen und sich in Höhlen verstecken. Doch führte man sie ins Schwimmbad, wurde ihr Fell noch grauer als grau. Lange verweilten sie in den Umkleidekabinen, paddelten hilflose Runden mit triefnassen Fellen und vermieden das Tauchen. Auch Ergotherapie half ihnen wenig. Bei einem Vergleich aller Schulen versagten sie kläglich. Da beschlossen die Beamten, ihre Leistungen nicht gar so streng zu bewerten. Und als dies nicht reichte, wurde ihre Note noch einmal verbessert. So wurde aus mancher "5" eine "3", alle waren zufrieden und fühlten sich als gute Schwimmer.* Die Inspektoren lobten die Schulen ob ihrer Erfolge.
Die Eichhörnchen waren hervorragend im Klettern. Sogar beim Fliegen von Ast zu Ast leisteten sie Beachtliches. Als sie sich jedoch in der Kompetenz "Abheben vom Boden" üben sollten, reagierten sie völlig frustriert. Die Mädchen, die sich mehr Mühe gaben als die zappeligen Jungen, klagten bald über heftigen Muskelkater. Darunter litten auch ihre Noten im Klettern und Laufen. Als Ausgleich wurde für sie ein "Girls Day" erfunden, damit sie im späteren Leben nicht benachteiligt seien. Dies fanden die Inspektoren beispielhaft.
Es gab nur wenige Adler, aber sie machten Sorgen. Die Eltern des einen lebten getrennt und die allein erziehende Mutter des anderen verdiente den Unterhalt mühsam mit Flügen zum Harz. Viele waren so dick, dass sie kaum noch die Flügel erhoben. Sie wurden süchtig nach billigen Filmen und grausigen Spielen. Ihre Noten waren stets miserabel, ihr Verhalten entsprach den Erwartungen nicht. Immerzu versuchten sie, sich in die Luft zu erheben und wurden nur mit Mühen und Strafen daran gehindert. Als sie schließlich einen Baumstamm hinaufklettern sollten statt auf die Spitze des Baumes zu fliegen, machten einige allerlei Blödsinn. Einer weigerte sich und wurde zum Psychologen geschickt. Als dieser keinen rechten Rat wusste, fand sich ein Arzt, der Pillen gegen das grassierende "ADHS" verschrieb.
Die besten Schüler waren die Aale. Sie konnten sehr gut schwimmen, sich über feuchte Wiesen schlängeln, sie kletterten flugs die Fischtreppen hoch und schnellten dabei sogar durch die Luft. Vor allem: Sie verhielten sich still in der Schule, träumten von früher Kindheit im Meer, taten dabei interessiert und im Mündlichen und in der Sauberkeit ihrer Hefte übertrafen sie alle. Sie wechselten bald zu den am meisten geschätzten Schulen des Landes, die man Gymnasien nannte.
Denn alle Kinder wurden, kaum hatten sie sich an Schule gewöhnt, in verschiedene Gruppen sortiert. Das gab es in keinem anderen Land, doch man sagte, dies werde Begabungen besser gerecht. Und so landeten Enten, Eichhörnchen und auch die Kaninchen in Schulen, die man Real-, die Adler hingegen in solchen, die man Hauptschulen nannte. Dort trafen sie Kraniche und Störche, die aus anderen Ländern stammten und Sprache und Gebräuche im Lande nicht zureichend kannten. Einige landeten gar in besonderen Schulen, denn dass Adler nicht klettern, war als Problem des Förderns und Forderns sicher erkannt.
Nicht alle Eltern akzeptierten das Votum der Schulen. Wohl wissend, dass der König und seine Minister nichts mehr respektierten als den Willen von Wählern, gaben sie ihre Kinder einfach in Schulen, die sie glaubten, sich schuldig zu sein. Mit Begabung hatte dies oft wenig zu tun, wurde jedoch toleriert und immer mehr üblich.
Manchmal wurden Ranglisten erstellt, so wichtig wie die Zahl der Medaillen bei olympischen Spielen. Wenn die Kinder des Landes dabei versagten, dann gab man vielfach den "faulen Säcken" die Schuld. So wurden die Lehrer bisweilen genannt, die man gern auch in Internetforen verhöhnte.
Der Kaiser im fernen Berlin gab Geld für ganztägige Schulen. Er erklärte die Bildung wie die Betreuung zu wichtigen Zielen des Staates. Man baute dringend benötigte Cafeterias, über Plätze in Krippen wurde heiß diskutiert, denn die Mütter gebaren nur wenige Kinder.
Doch nicht alle fanden ersprießlich, was Kaiser und König und ihre Beamten ersannen. Den Kindern der Füchse und Schlangen blieben Schulen wie diese erspart. Ihre Eltern gaben sie einem Dachs in die Lehre. Der hielt wenig von Standards, ließ die Kinder gewähren, ermutigte und regte sie an, forderte viel und mochte doch keinen sortieren. Man sagte, er liebe die Kinder.
lg
santiago
Hm, und nun ist mein Enkel dran, dem es einmal gut gehen soll...
, darüber hinaus unterscheiden sich die Menschen aber in ihrem Können, Wissen... je nach ihrer ererbten und geförderten Begabung. Da gibt es eine ganze Menge Eigenschaften und Besonderheiten, die von andern, die diese Eigenschaften nicht besitzen, bewundert/beneidet werden. Schließlich bieten sie eine Menge Vorteile.